digital und achtsam?

24. Oktober 2026
Kristina.being-mode

Aus der Forschung

Beim Üben der Achtsamkeit im Alltag erfahren wir, dass wir Dinge wie Kochen, Essen, im Garten arbeiten oder Fahrradfahren mit Achtsamkeit machen können. Wir erleben, wie uns die achtsame Haltung präsenter, verbundener, jetziger, weniger impulsiv, entspannter und freundlicher werden lässt. Aber was ist eigentlich mit der Achtsamkeit, wenn wir im Büro arbeiten, von digitalen Reizen umgeben sind und von ihnen vereinnahmt werden? Gibt es etwas aus der Achtsamkeitspraxis, dass uns auch für diesen Lebensbereich hilft? Eine interessante Studie beschäftigt sich mit dem Thema und findet erste Antworten. 


In unserem digitalen Zeitalter können wir uns ständig mit irgendetwas auf einem Bildschirm beschäftigen, digitale Reize klopfen zig Mal am Tag an das Fenster unserer Aufmerksamkeit. Es gibt in der Freizeit viele gute Gründe, nicht all diesen Impulsen nachzukommen und digitale Reize immer wieder bewusst zu reduzieren, sei es um unser Aufmerksamkeitskontingent nicht zu überladen, um Kreativität Raum zu geben, um Stress zu reduzieren, um Menschen zu begegnen, um Natur zu erleben, um entspannter zu sein, wegen der besseren Schlafhygiene oder – was all dies einschließen kann - um achtsamer zu sein.


Was ist aber mit den Zeiten, in denen wir weniger Wahl haben, zum Beispiel in der Arbeit? E-Mails häufen sich, Nachrichten und Terminerinnerungen unterbrechen uns, plötzlich sind es viele offene Tabs, die uns erinnern, welche Informationen wir noch lesen und was wir noch tun wollten: Im digitalen Arbeitsalltag konkurrieren zahlreiche Reize um unsere Aufmerksamkeit. Wie belastend das erlebt wird, hängt offenbar nicht allein von der Zeit ab, die wir vor dem Bildschirmzeit verbringen – zwei Menschen können ähnlich lange online sein und es doch ganz unterschiedlich erleben. Eine aktuelle Längsschnittstudie von Elizabeth Marsh, Elvira Perez Vallejos und Alexa Spence rückt deshalb die Frage in den Blick, was in uns genau vorgeht, wenn wir digitale Geräte nutzen und was unterstützend ist, um uns wohl zu fühlen.

 

Die Forschenden führen den Begriff der „digitalen Achtsamkeit“ ein und verstehen darunter die Fähigkeit, digitale Technologien bewusst und aufmerksam zu nutzen - eine eigene Kompetenz im Umgang mit digitalen Geräten. Für ihre Untersuchung entwickelten sie eine Skala mit drei Bereichen: den Grad von Absicht und Bewusstheit, mit der wir eine Technologie nutzen oder uns von ihr treiben lassen; der Aufmerksamkeit, die wir dem widmen, was wir gerade tun oder uns ablenken lassen; und der inneren Haltung, mit der wir auf Fehler, Ablenkung oder Überforderung eher selbstkritisch oder freundlich reagieren.


Das zentrale Ergebnis: Eine höhere "digitale Achtsamkeit" hing mit weniger Technostress und Erschöpfung sowie einem höheren Wohlbefinden zusammen. Zugleich betonen die Forschenden, dass achtsamer Umgang mit Technologie gute Arbeitsbedingungen ergänzen kann, sie aber nicht ersetzt.


Für die Achtsamkeitspraxis ist das eine vertraute Perspektive: Wir definieren Achtsamkeit als eine Haltung, die uns immer wieder auf das hier und jetzt bezieht und die Aufmerksamkeit bewusst ausrichtet. Und das ohne vorschnell zu urteilen oder zu reagieren, ganz gleich ob wir das Erleben als angenehm, unangenehm oder neutral empfinden. 
Daraus können wir etwas für den Umgang mit digitalen Reizen ableiten und innehalten, bevor wir impulsiv reagieren. Wir können immer mal wieder genauer hinschauen – wozu öffne ich gerade dieses Programm? Bin ich noch bei meinem Vorhaben? Reagiere ich auf diese Ablenkung, lasse ich sie vorbeiziehen oder mache mir besser eine Notiz? Was möchte ich als nächstes tun oder passt die Idee besser in einen neuen Arbeitstag? Und wie spreche ich innerlich mit mir, wenn etwas nicht gelingt?

Nicht jeder Impuls braucht sofort eine Handlung. Und wenn wir uns doch verzetteln, kann auch das ein Moment des Neubeginns sein – eine Glocke der Achtsamkeit: als Chance, nicht als zusätzlicher Druck.

 

Aufmerksamkeit ist also auch eine Ressource für die Arbeitswelt, mit der wir bewusst umgehen können – gerade in einer Welt, in der Apps, Nachrichten und Plattformen ständig um sie konkurrieren. Es lohnt sich, zwischendurch innezuhalten und zu fragen: Worauf möchte ich meine Aufmerksamkeit gerade richten?

Und wenn wir die Arbeit verlassen, können wir neue Wahlen treffen: mit was beschäftige ich mich und wieviel digitale Zeit tut mir gut. 


Wer mehr dazu lesen möchte: Der MBSR-Verband hat zu dem Thema einen Artikel veröffentlicht und macht dort auch auf die Studie aufmerksam: „The Digital Mindfulness Scale: Development and longitudinal validation in the workplace“ von Elizabeth Marsh, Elvira Perez Vallejos und Alexa Spence ist 2026 als Working Paper auf SSRN erschienen. 

von Kristina.Kluge-Raschke • 21. September 2026
Angebote für MBSR-Erfahrene
von Kristina.being-mode • 3. August 2026
Buchtipp: Klassiker von Ajahn Brahm
von Kristina.being-mode • 14. Juli 2026
Aus der Achtsamkeitspraxis
von Kristina.being-mode • 1. Juni 2026
Teilnahmemöglichkeit 
von Kristina.being-mode • 11. Mai 2026
Meta-Analyse zur aktuellen Forschung
von Kristina.being-mode • 30. März 2026
Aus Psychologie und Philosophie
von Kristina.being-mode • 19. Januar 2026
Achtsamkeit im Alltag
von Kristina.being-mode • 1. Dezember 2025
Weisheitsgeschichte
von Kristina.being-mode • 27. Oktober 2025
Aus Forschung und Achtsamkeitspraxis
von Ayya Rakkhita • 4. Oktober 2025
Repost einer Nonne auf Wanderschaft
Weitere Beiträge